UNSERE
GESCHICHTE
SEIT 1902
Die Gründung
Januar, Oberhöchstadt
Es ist ein kalter Abend in Oberhöchstadt. Draußen früh dunkel, drinnen wird zusammengerückt. In der Gaststube ist es warm, es riecht nach Holz und nach einem langen Tag. Ein paar Männer sitzen beisammen, man kennt sich, redet erst über dies und das.
Und dann kommt dieses Thema wieder auf. Der Umzug im letzten Jahr. Wie die Leute an den Straßen standen. Wie plötzlich alle gelacht haben. Wie anders sich das Dorf angefühlt hat.
Niemand sagt sofort, dass man einen Verein gründen sollte. Es ist eher dieses langsame Herantasten. Ein Satz hier, ein Gedanke da. „Das könnte man doch nochmal machen.“ „Nicht nur einmal.“ Irgendwann ist klar: Die meinen das ernst.
Kein Plan auf Papier, keine große Ankündigung. Aber eine Entscheidung. Ein eigener Karnevalverein. Hier in Oberhöchstadt. Der Name fällt fast nebenbei: „Wau-Wau“. Warum genau, weiß später keiner mehr.
An diesem Abend ahnt niemand, wie lange dieser Entschluss tragen wird. Aber sie gehen nach Hause mit einem Gefühl, das bleibt:
Hier beginnt etwas.
Ein Jahr nach der Gründung wird es ernst. 1903 kommen die Mitglieder zur ersten Versammlung zusammen. 18 Männer gehören zum „Wau-Wau“ und an diesem Abend sind alle da. Keiner fehlt.
Schnell wird klar, dass es nicht bei einer guten Idee bleiben soll. Es wird geplant und organisiert. Peter Schreibweiß gehört zu denen, die immer mit anpacken. Jean Löhr hält die Dinge zusammen, wenn es darauf ankommt.
Die ersten Wagen entstehen dort, wo Platz ist. In Höfen, in Scheunen, oft aus dem, was gerade da ist. Vieles wirkt improvisiert und genau das macht den Reiz aus.
Wenn der Umzug durch den Ort zieht, ist das ganze Dorf dabei. Die Menschen stehen an den Straßen, Kinder ganz vorne. Man kennt sich, man lacht miteinander und manchmal auch übereinander.
1911 bleibt vielen im Gedächtnis. Als das elektrische Licht in Oberhöchstadt Einzug hält, fährt ein Wagen mit einem Spruch durch die Straßen:
„Das elektrisch’ Licht bekommt Ihr nicht,
weil Petroleum noch zu billig ist.“
Über die Jahre wird der Umzug größer. Nicht geplant, sondern gewachsen. Weil immer mehr mitmachen wollen.
Dann kommt der Bruch. Der Krieg beginnt und von einem Jahr auf das andere verstummt die Fastnacht.
Die Wagen bleiben stehen. Die Kostüme verschwinden. Und das, was eben noch das Dorf zusammengebracht hat, ist plötzlich nicht mehr da.
Die ersten Umzüge
Zurück ins Leben
Nach dem Krieg ist es still.
Keine Umzüge, keine Sitzungen, keine Bälle. Der Verein existiert auf dem Papier, aber kaum mehr. Es dauert, bis sich wieder etwas bewegt. Erst ein Gespräch, dann ein Treffen. Die Erinnerung an das, was einmal war, ist noch da.
Heinrich Fuchs ist einer von denen, die nicht loslassen. Mit Friedrich Ungeheuer bringt er den Verein wieder auf die Beine. Schritt für Schritt. Nichts ist selbstverständlich in diesen Jahren, Geld ist knapp, die Zeiten unsicher. Aber die Sitzungen kommen zurück, die Bälle auch.
Man lacht wieder. Nicht wie früher vielleicht, aber genug.
Mit den Jahren wird es stabiler. Der Wau-Wau findet seinen Rhythmus wieder. Doch Anfang der 1930er verändert sich etwas. Die Fastnacht wird leiser, vorsichtiger. Wer auf der Bühne steht, überlegt zweimal, was er sagt.
Man merkt: Es geht wieder nicht nur ums Feiern.
Die Fastnacht ist noch da. Aber sie fühlt sich anders an.
Was früher leicht war, wird schwerer. Was früher laut war, wird leiser. Der Verein passt sich an, wie so vieles in diesen Jahren. Der Vorstand bleibt, aber er nennt sich jetzt „Führerstab“. Die Bühne steht noch, aber wer darauf steht, wählt die Worte mit Bedacht.
1939 zieht noch einmal ein Umzug durch Oberhöchstadt. Vielleicht ahnt jemand, dass es der letzte sein wird. Vielleicht nicht.
Dann kommt der Krieg.
1941 trifft man sich ein letztes Mal zur Generalversammlung. Danach wird es still. Keine Sitzungen, keine Bälle, keine Bühne. Elf Jahre lang.
Was bleibt, ist die Erinnerung. Und ein paar Menschen, die nicht vergessen haben, warum man sich einmal getroffen hat.
Eine stille Zeit
Die Wiedergeburt im Nassauer Hof
Nach elf Jahren Stille kommt Bewegung zurück.
Menschen treffen sich wieder, nicht zufällig, sondern mit einem klaren Gedanken: Den Verein zurückholen. Am 14. Januar 1952 ist es soweit. Der Verein wird neu gegründet. Und er bekommt einen Namen, der bis heute bleibt:
Karnevalverein 1902 Oberhöchstadt
Heinrich Weis übernimmt den Vorsitz, Emil Jäger steht ihm zur Seite. Um sie herum: Otto Neidhardt, der Protokoll führt, Wilhelm Hönig, der die Finanzen in die Hand nimmt, und ein Elferrat, der sich neu zusammenfindet.
Und noch etwas verändert sich in diesem Jahr. Von nun an können auch Frauen Mitglied werden und das Vereinsleben aktiv mitgestalten. Eine stille, aber wichtige Entscheidung.
Es ist kein großer, lauter Neuanfang. Eher ein gemeinsames Zurückholen von etwas, das gefehlt hat. Die ersten Sitzungen entstehen, die ersten Bälle folgen. Vieles ist noch im Aufbau, manches improvisiert.
Und doch funktioniert es.
Nur wenige Jahre nach der Wiedergründung ist spürbar: Der Verein ist wieder angekommen.
1957 kehrt der Umzug zurück. Zum ersten Mal seit dem Krieg ziehen wieder Wagen durch die Straßen von Oberhöchstadt. Man steht am Straßenrand, schaut zu, und vielleicht denkt der ein oder andere: So soll es sein.
Im selben Jahr entsteht das erste Ordensfest, eine Tradition, die bis heute bleibt. Und noch etwas verändert das Bild der Fastnacht. Unter der Leitung von Frau Quick wird eine eigene Tanzgarde gegründet. Von nun an gehören nicht nur Büttenreden und Musik dazu, sondern auch Tanz, Auftritt und die Freude daran, gemeinsam etwas einzustudieren.
Der Verein wächst. Die Sitzungen werden voller, die Programme vielfältiger. Auf und hinter der Bühne übernehmen immer mehr Menschen Verantwortung.
1962 wird das 60-jährige Bestehen gefeiert. Mit einer Ehrensitzung und einem großen Umzug zeigt sich, wie viel in so kurzer Zeit wieder aufgebaut wurde.
Die Fastnacht ist zurück in Oberhöchstadt.
Und lebendiger als je zuvor.
Kappen, Garde und Orden
Mit den 70er Jahren verändert sich der Verein spürbar.
1970 übernimmt Egon Bach den Vorsitz, unterstützt von Heinrich Jerger. Es sind Jahre, in denen nicht nur weitergemacht wird, sondern in denen neue Ideen entstehen. Eine davon bleibt bis heute.
1971 hebt sich im Haus Altkönig zum ersten Mal der Vorhang. Die Theatergruppe „Die Fichtegickel“ spielt „Der Meisterboxer“. Anfangs kommen nur wenige Zuschauer. Doch mit jeder Aufführung werden es mehr. Das Publikum lacht, fiebert mit und erkennt sich in den Szenen wieder. Genau das macht den Unterschied.
Die Fichtegickel wachsen. Sie spielen nicht nur in Oberhöchstadt, sondern treten bald auch in anderen Orten auf. Sie tragen den Humor des Vereins nach draußen und bringen gleichzeitig neue Energie zurück.
Auch abseits der Bühne wächst der Verein in diesen Jahren. Auftritte im Seniorenheim werden zur Tradition. Erste Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche entstehen. Der Verein denkt nicht nur an seine Mitglieder, sondern auch an den Ort.
Der Verein entwickelt sich weiter.
Und gewinnt in diesen Jahren ein neues Gesicht.
Anfang der 80er Jahre übernimmt Hans Kaufmann den Vorsitz. Und er bleibt nicht im Hintergrund. Als Sitzungspräsident steht er gleichzeitig selbst auf der Bühne. Zwei Rollen, ein Ziel: den Verein weiter nach vorne bringen.
Und das merkt man.
Die Säle sind gut gefüllt, die Veranstaltungen entwickeln sich weiter. Es wird ausprobiert, ergänzt, manchmal auch einfach gemacht, weil es sich richtig anfühlt. Genau aus diesem Geist heraus entsteht 1982 eine Idee, mit der so nicht jeder gerechnet hat.
Ein Männerballett. Die Dalles Dreamboys sind geboren.
Männer, die bisher eher hinter den Kulissen aktiv waren, stehen plötzlich selbst auf der Bühne. Mit Kostüm, mit Musik und mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Was als ungewöhnliche Idee beginnt, wird schnell zu einem festen Bestandteil der Fastnacht. Das Publikum feiert es. Laut.
Die Jahre ziehen weiter, der Verein wächst mit ihnen. 1990 kommt der Moment, in dem man inne hält und zurückschaut: 8 mal 11 Jahre KV02. Das Jubiläum wird groß gefeiert, mit Festzelt, großem Programm und einem Wochenende, das zeigt, wie lebendig dieser Verein geworden ist.
Ein Jahr später übernimmt Heinz Hölzle den Vorsitz. Michael Endres führt als neuer Sitzungspräsident durch die Veranstaltungen. Ein neues Kapitel beginnt, aber der Schwung bleibt.
Volle Säle und neue Ideen
Ein Jahrhundert Verein
In den 90er Jahren bleibt der Verein in Bewegung. Neue Gesichter kommen dazu, andere geben Verantwortung weiter. Aufgaben wechseln, Ideen auch. Das Ziel bleibt das gleiche.
1998 übernimmt Michael Falland den Vorsitz. Auch auf der Bühne entwickelt sich vieles weiter. Programme verändern sich, die Sitzungsleitung wechselt. Aber die Fastnacht bleibt, wo sie hingehört: fest im Ort verankert.
Dann kommt das Jahr 2002.
100 Jahre KV02. Ein ganzes Jahrhundert voller Geschichten, Erinnerungen und gemeinsamer Erlebnisse. Gefeiert wird nicht nur das Jubiläum selbst, sondern das, was über die Jahre gewachsen ist. Ein Verein, getragen von den Menschen, die ihn ausmachen.
Im gleichen Jahr wird der KV02 als gemeinnützig anerkannt. Ein Schritt, der nach außen sichtbar macht, was intern schon lange gilt: Hier geht es um mehr als Veranstaltungen. Es geht um den Zusammenhalt im Ort.
Nach dem Jubiläum beginnt eine ruhigere Phase. Keine großen Umbrüche, sondern Jahre, in denen vieles einfach funktioniert.
Die Fastnacht hat ihren festen Platz. Die Kampagne kommt jedes Jahr, die Säle füllen sich, die Umzüge gehören zum Ortsbild. Für viele ist das längst selbstverständlich geworden. Und genau das ist die Leistung dieser Jahre: dass es selbstverständlich ist.
Auf der Bühne verkörpert ein Gesicht diese Kontinuität wie kein anderes. Über mehr als zwei Jahrzehnte führt Orlando Kieser als Sitzungspräsident durch die Programme. Seine Stimme, sein Rhythmus, seine Art. Für viele ist er die Fastnacht in Oberhöchstadt.
Im Vorstand wechselt die Verantwortung ruhiger, aber stetig. 2007 übernimmt Ulrich Heinecke den Vorsitz und führt den KV02 ein ganzes Jahrzehnt lang. 2017 beginnt mit Jörg Kouth ein neues Kapitel.
2020 endet eine Ära.
Nach über 20 Jahren gibt Orlando Kieser das Amt des Sitzungspräsidenten ab. Der Verein ernennt ihn zum Ehrenpräsidenten. Eine Geste des Dankes für alles, was er der Fastnacht gegeben hat.
Vertraut und lebendig
Stillstand und neuer Anfang
Plötzlich wird es still.
Die Corona-Pandemie unterbricht das Vereinsleben. Keine Sitzungen, keine Umzüge, keine gemeinsamen Momente. Was vorher selbstverständlich war, fehlt auf einmal.
Eine Kampagne vergeht ohne Fastnacht. Dann noch eine. Auch das Theater bleibt lange dunkel. In dieser Zeit übernimmt Andreas Risse das Amt des Sitzungspräsidenten. Ein Neuanfang, der erst einmal warten muss.
Erst im Herbst 2022 öffnet sich der Vorhang wieder.
Und dann, 2023, ist er da. Der Moment, auf den alle gewartet haben. Die Fastnachtssitzung kehrt zurück. Die Halle ist wieder offen. Menschen kommen zusammen, helfen, bauen auf, stehen wieder auf der Bühne. Und diesmal ist nichts vorsichtig. Es ist laut. Es ist voll. Es fühlt sich an, als hätte jemand den Schalter wieder umgelegt.
Das ist es, was einen Verein ausmacht. Nicht die großen Jubiläen, nicht die einzelnen Auftritte. Sondern das, was entsteht, wenn viele zusammen anpacken. Der Stolz nach einem gelungenen Abend. Der Applaus, der durch den Saal geht. Die Menschen, die einfach da sind.
Manches braucht Zeit. Manches wird anders bleiben. Aber eines hat sich in all diesen Jahren nicht verändert. Wenn es darauf ankommt, sind wir da.
Die Gründung
Januar, Oberhöchstadt
Es ist ein kalter Abend in Oberhöchstadt. Draußen früh dunkel, drinnen wird zusammengerückt. In der Gaststube ist es warm, es riecht nach Holz und nach einem langen Tag. Ein paar Männer sitzen beisammen, man kennt sich, redet erst über dies und das.
Und dann kommt dieses Thema wieder auf. Der Umzug im letzten Jahr. Wie die Leute an den Straßen standen. Wie plötzlich alle gelacht haben. Wie anders sich das Dorf angefühlt hat.
Niemand sagt sofort, dass man einen Verein gründen sollte. Es ist eher dieses langsame Herantasten. Ein Satz hier, ein Gedanke da. „Das könnte man doch nochmal machen.“ „Nicht nur einmal.“ Irgendwann ist klar: Die meinen das ernst.
Kein Plan auf Papier, keine große Ankündigung. Aber eine Entscheidung. Ein eigener Karnevalverein. Hier in Oberhöchstadt. Der Name fällt fast nebenbei: „Wau-Wau“. Warum genau, weiß später keiner mehr.
An diesem Abend ahnt niemand, wie lange dieser Entschluss tragen wird. Aber sie gehen nach Hause mit einem Gefühl, das bleibt:
Hier beginnt etwas.
Die ersten Umzüge
Ein Jahr nach der Gründung wird es ernst. 1903 kommen die Mitglieder zur ersten Versammlung zusammen. 18 Männer gehören zum „Wau-Wau“ und an diesem Abend sind alle da. Keiner fehlt.
Schnell wird klar, dass es nicht bei einer guten Idee bleiben soll. Es wird geplant und organisiert. Peter Schreibweiß gehört zu denen, die immer mit anpacken. Jean Löhr hält die Dinge zusammen, wenn es darauf ankommt.
Die ersten Wagen entstehen dort, wo Platz ist. In Höfen, in Scheunen, oft aus dem, was gerade da ist. Vieles wirkt improvisiert und genau das macht den Reiz aus.
Wenn der Umzug durch den Ort zieht, ist das ganze Dorf dabei. Die Menschen stehen an den Straßen, Kinder ganz vorne. Man kennt sich, man lacht miteinander und manchmal auch übereinander.
1911 bleibt vielen im Gedächtnis. Als das elektrische Licht in Oberhöchstadt Einzug hält, fährt ein Wagen mit einem Spruch durch die Straßen:
„Das elektrisch’ Licht bekommt Ihr nicht,
weil Petroleum noch zu billig ist.“
Über die Jahre wird der Umzug größer. Nicht geplant, sondern gewachsen. Weil immer mehr mitmachen wollen.
Dann kommt der Bruch. Der Krieg beginnt und von einem Jahr auf das andere verstummt die Fastnacht.
Die Wagen bleiben stehen. Die Kostüme verschwinden. Und das, was eben noch das Dorf zusammengebracht hat, ist plötzlich nicht mehr da.
Zurück ins Leben
Nach dem Krieg ist es still.
Keine Umzüge, keine Sitzungen, keine Bälle. Der Verein existiert auf dem Papier, aber kaum mehr. Es dauert, bis sich wieder etwas bewegt. Erst ein Gespräch, dann ein Treffen. Die Erinnerung an das, was einmal war, ist noch da.
Heinrich Fuchs ist einer von denen, die nicht loslassen. Mit Friedrich Ungeheuer bringt er den Verein wieder auf die Beine. Schritt für Schritt. Nichts ist selbstverständlich in diesen Jahren, Geld ist knapp, die Zeiten unsicher. Aber die Sitzungen kommen zurück, die Bälle auch.
Man lacht wieder. Nicht wie früher vielleicht, aber genug.
Mit den Jahren wird es stabiler. Der Wau-Wau findet seinen Rhythmus wieder. Doch Anfang der 1930er verändert sich etwas. Die Fastnacht wird leiser, vorsichtiger. Wer auf der Bühne steht, überlegt zweimal, was er sagt.
Man merkt: Es geht wieder nicht nur ums Feiern.
Eine stille Zeit
Die Fastnacht ist noch da. Aber sie fühlt sich anders an.
Was früher leicht war, wird schwerer. Was früher laut war, wird leiser. Der Verein passt sich an, wie so vieles in diesen Jahren. Der Vorstand bleibt, aber er nennt sich jetzt „Führerstab“. Die Bühne steht noch, aber wer darauf steht, wählt die Worte mit Bedacht.
1939 zieht noch einmal ein Umzug durch Oberhöchstadt. Vielleicht ahnt jemand, dass es der letzte sein wird. Vielleicht nicht.
Dann kommt der Krieg.
1941 trifft man sich ein letztes Mal zur Generalversammlung. Danach wird es still. Keine Sitzungen, keine Bälle, keine Bühne. Elf Jahre lang.
Was bleibt, ist die Erinnerung. Und ein paar Menschen, die nicht vergessen haben, warum man sich einmal getroffen hat.
Die Wiedergeburt im Nassauer Hof
Nach elf Jahren Stille kommt Bewegung zurück.
Menschen treffen sich wieder, nicht zufällig, sondern mit einem klaren Gedanken: Den Verein zurückholen. Am 14. Januar 1952 ist es soweit. Der Verein wird neu gegründet. Und er bekommt einen Namen, der bis heute bleibt:
Karnevalverein 1902 Oberhöchstadt
Heinrich Weis übernimmt den Vorsitz, Emil Jäger steht ihm zur Seite. Um sie herum: Otto Neidhardt, der Protokoll führt, Wilhelm Hönig, der die Finanzen in die Hand nimmt, und ein Elferrat, der sich neu zusammenfindet.
Und noch etwas verändert sich in diesem Jahr. Von nun an können auch Frauen Mitglied werden und das Vereinsleben aktiv mitgestalten. Eine stille, aber wichtige Entscheidung.
Es ist kein großer, lauter Neuanfang. Eher ein gemeinsames Zurückholen von etwas, das gefehlt hat. Die ersten Sitzungen entstehen, die ersten Bälle folgen. Vieles ist noch im Aufbau, manches improvisiert.
Und doch funktioniert es.
Kappen, Garde und Orden
Nur wenige Jahre nach der Wiedergründung ist spürbar: Der Verein ist wieder angekommen.
1957 kehrt der Umzug zurück. Zum ersten Mal seit dem Krieg ziehen wieder Wagen durch die Straßen von Oberhöchstadt. Man steht am Straßenrand, schaut zu, und vielleicht denkt der ein oder andere: So soll es sein.
Im selben Jahr entsteht das erste Ordensfest, eine Tradition, die bis heute bleibt. Und noch etwas verändert das Bild der Fastnacht. Unter der Leitung von Frau Quick wird eine eigene Tanzgarde gegründet. Von nun an gehören nicht nur Büttenreden und Musik dazu, sondern auch Tanz, Auftritt und die Freude daran, gemeinsam etwas einzustudieren.
Der Verein wächst. Die Sitzungen werden voller, die Programme vielfältiger. Auf und hinter der Bühne übernehmen immer mehr Menschen Verantwortung.
1962 wird das 60-jährige Bestehen gefeiert. Mit einer Ehrensitzung und einem großen Umzug zeigt sich, wie viel in so kurzer Zeit wieder aufgebaut wurde.
Die Fastnacht ist zurück in Oberhöchstadt.
Und lebendiger als je zuvor.
Mit den 70er Jahren verändert sich der Verein spürbar.
1970 übernimmt Egon Bach den Vorsitz, unterstützt von Heinrich Jerger. Es sind Jahre, in denen nicht nur weitergemacht wird, sondern in denen neue Ideen entstehen. Eine davon bleibt bis heute.
1971 hebt sich im Haus Altkönig zum ersten Mal der Vorhang. Die Theatergruppe „Die Fichtegickel“ spielt „Der Meisterboxer“. Anfangs kommen nur wenige Zuschauer. Doch mit jeder Aufführung werden es mehr. Das Publikum lacht, fiebert mit und erkennt sich in den Szenen wieder. Genau das macht den Unterschied.
Die Fichtegickel wachsen. Sie spielen nicht nur in Oberhöchstadt, sondern treten bald auch in anderen Orten auf. Sie tragen den Humor des Vereins nach draußen und bringen gleichzeitig neue Energie zurück.
Auch abseits der Bühne wächst der Verein in diesen Jahren. Auftritte im Seniorenheim werden zur Tradition. Erste Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche entstehen. Der Verein denkt nicht nur an seine Mitglieder, sondern auch an den Ort.
Der Verein entwickelt sich weiter.
Und gewinnt in diesen Jahren ein neues Gesicht.
Volle Säle und neue Ideen
Anfang der 80er Jahre übernimmt Hans Kaufmann den Vorsitz. Und er bleibt nicht im Hintergrund. Als Sitzungspräsident steht er gleichzeitig selbst auf der Bühne. Zwei Rollen, ein Ziel: den Verein weiter nach vorne bringen.
Und das merkt man.
Die Säle sind gut gefüllt, die Veranstaltungen entwickeln sich weiter. Es wird ausprobiert, ergänzt, manchmal auch einfach gemacht, weil es sich richtig anfühlt. Genau aus diesem Geist heraus entsteht 1982 eine Idee, mit der so nicht jeder gerechnet hat.
Ein Männerballett. Die Dalles Dreamboys sind geboren.
Männer, die bisher eher hinter den Kulissen aktiv waren, stehen plötzlich selbst auf der Bühne. Mit Kostüm, mit Musik und mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Was als ungewöhnliche Idee beginnt, wird schnell zu einem festen Bestandteil der Fastnacht. Das Publikum feiert es. Laut.
Die Jahre ziehen weiter, der Verein wächst mit ihnen. 1990 kommt der Moment, in dem man inne hält und zurückschaut: 8 mal 11 Jahre KV02. Das Jubiläum wird groß gefeiert, mit Festzelt, großem Programm und einem Wochenende, das zeigt, wie lebendig dieser Verein geworden ist.
Ein Jahr später übernimmt Heinz Hölzle den Vorsitz. Michael Endres führt als neuer Sitzungspräsident durch die Veranstaltungen. Ein neues Kapitel beginnt, aber der Schwung bleibt.
Ein Jahrhundert Verein
In den 90er Jahren bleibt der Verein in Bewegung. Neue Gesichter kommen dazu, andere geben Verantwortung weiter. Aufgaben wechseln, Ideen auch. Das Ziel bleibt das gleiche.
1998 übernimmt Michael Falland den Vorsitz. Auch auf der Bühne entwickelt sich vieles weiter. Programme verändern sich, die Sitzungsleitung wechselt. Aber die Fastnacht bleibt, wo sie hingehört: fest im Ort verankert.
Dann kommt das Jahr 2002.
100 Jahre KV02. Ein ganzes Jahrhundert voller Geschichten, Erinnerungen und gemeinsamer Erlebnisse. Gefeiert wird nicht nur das Jubiläum selbst, sondern das, was über die Jahre gewachsen ist. Ein Verein, getragen von den Menschen, die ihn ausmachen.
Im gleichen Jahr wird der KV02 als gemeinnützig anerkannt. Ein Schritt, der nach außen sichtbar macht, was intern schon lange gilt: Hier geht es um mehr als Veranstaltungen. Es geht um den Zusammenhalt im Ort.
Vertraut und lebendig
Nach dem Jubiläum beginnt eine ruhigere Phase. Keine großen Umbrüche, sondern Jahre, in denen vieles einfach funktioniert.
Die Fastnacht hat ihren festen Platz. Die Kampagne kommt jedes Jahr, die Säle füllen sich, die Umzüge gehören zum Ortsbild. Für viele ist das längst selbstverständlich geworden. Und genau das ist die Leistung dieser Jahre: dass es selbstverständlich ist.
Auf der Bühne verkörpert ein Gesicht diese Kontinuität wie kein anderes. Über mehr als zwei Jahrzehnte führt Orlando Kieser als Sitzungspräsident durch die Programme. Seine Stimme, sein Rhythmus, seine Art. Für viele ist er die Fastnacht in Oberhöchstadt.
Im Vorstand wechselt die Verantwortung ruhiger, aber stetig. 2007 übernimmt Ulrich Heinecke den Vorsitz und führt den KV02 ein ganzes Jahrzehnt lang. 2017 beginnt mit Jörg Kouth ein neues Kapitel.
2020 endet eine Ära.
Nach über 20 Jahren gibt Orlando Kieser das Amt des Sitzungspräsidenten ab. Der Verein ernennt ihn zum Ehrenpräsidenten. Eine Geste des Dankes für alles, was er der Fastnacht gegeben hat.
Stillstand und neuer Anfang
Plötzlich wird es still.
Die Corona-Pandemie unterbricht das Vereinsleben. Keine Sitzungen, keine Umzüge, keine gemeinsamen Momente. Was vorher selbstverständlich war, fehlt auf einmal.
Eine Kampagne vergeht ohne Fastnacht. Dann noch eine. Auch das Theater bleibt lange dunkel. In dieser Zeit übernimmt Andreas Risse das Amt des Sitzungspräsidenten. Ein Neuanfang, der erst einmal warten muss.
Erst im Herbst 2022 öffnet sich der Vorhang wieder.
Und dann, 2023, ist er da. Der Moment, auf den alle gewartet haben. Die Fastnachtssitzung kehrt zurück. Die Halle ist wieder offen. Menschen kommen zusammen, helfen, bauen auf, stehen wieder auf der Bühne. Und diesmal ist nichts vorsichtig. Es ist laut. Es ist voll. Es fühlt sich an, als hätte jemand den Schalter wieder umgelegt.
Das ist es, was einen Verein ausmacht. Nicht die großen Jubiläen, nicht die einzelnen Auftritte. Sondern das, was entsteht, wenn viele zusammen anpacken. Der Stolz nach einem gelungenen Abend. Der Applaus, der durch den Saal geht. Die Menschen, die einfach da sind.
Manches braucht Zeit. Manches wird anders bleiben. Aber eines hat sich in all diesen Jahren nicht verändert. Wenn es darauf ankommt, sind wir da.